Der Darm im Ayurveda: Tipps für die Darmgesundheit

Schon vor 2.500 Jahren prägte Hippokrates den berühmten Satz: „Der gesunde Darm ist die Wurzel aller Gesundheit.“ Und auch in der ayurvedischen Lehre wird der Magen-Darm-Trakt als Quelle von Gesundheit und Krankheit, Glück und Leid, Leben und Tod verstanden. Entsprechend wichtig für ein gesundes, glückliches Leben ist es, die Darmgesundheit zu fördern. Der Ayurveda bietet dabei ganz konkrete Möglichkeiten.

Darm: Komplexer Mikrokosmos im Makrokosmos Körper

Der Darm: In diesem sieben bis acht Meter langen Kanal spielen sich unglaubliche Prozesse ab. Dort wird die Essenz aus unserer Nahrung aufbereitet und vom Abfall getrennt. Der Darm beherbergt das größte Immunorgan unseres Körpers. Das enterische Nervensystem, ein weitverzweigtes Geflecht aus Abermillionen Nervenzellen, das sich durch den Magen-Darm-Trakt zieht, wird auch als „zweites Gehirn“ bezeichnet – und lässt die berühmte „Bauchentscheidung“ in ganz anderem Licht erscheinen. Es steht in Verbindung zur Großhirnrinde und zu unserem Emotionszentrum, dem limbischen System. Und unser aus über 400 Bakterienstämmen bestehendes intestinales Mikrobiom, die sogenannte Darmflora, ist neben der Leber der aktivste Stoffwechsel-Teil des Organismus. Verständlich, dass Darmgesundheit und Immunsystem untrennbar miteinander verbunden sind.

Darmgesundheit ayurvedisch verstehen und fördern

Der Ayurveda ist eine funktionelle Medizin. Das primär organbezogene Denken der westlichen Medizin ist ihm weitestgehend fremd. Damit bietet die ayurvedische Perspektive ganz neue Möglichkeiten, Störungen der Darmgesundheit zu verstehen und die Darmgesundheit zu fördern. Im Mittelpunkt aller therapeutischen Aktivitäten steht dabei die Balancierung der Tridosha Vata, Pitta und Kapha sowie die Regulation unseres Körperfeuers Agni.

Der Darm als Transportkanal

Der Magen-Darm-Trakt setzt sich aus einem oberen Teil zur Versorgung und einem unteren Teil zur Entsorgung zusammen:

  • Die Anna Vaha Srotas (wörtlich „Nahrung leitender Kanal) beginnen in der Mundhöhle und verlaufen über die Speiseröhre, den Magen bis in den mittleren Dünndarm (Jejunum), wo die Essenz unserer Nahrung über die Darmwand aufgenommen wird. Namhafte Gelehrte verorten diese Bahnen bis tief in den Dickdarm hinein, da dort immer noch Mikronährstoffe resorbiert werden.
  • Die Purisha Vaha Srotas (wörtlich „Kot leitender Kanal) verlaufen im unteren Dickdarm, aus dem nach der Rückresorption von Flüssigkeit letztendlich der unverdauliche Teil unserer Nahrung als Kot ausgeschieden wird.

Es werden vier mögliche Störungen in Kanälen unterschieden, die am Beispiel Darm zu erheblichen Problemen führen können:

  • Blockaden führen zur Ansammlung von Abfallstoffen mit Folge von Blähungen, Verstopfung und Fäulnisbildung (Ama).
  • Übermäßige Bewegung begünstigt Durchfall und hemmt die Aufnahme von Nährstoffen.
  • Die falsche Bewegungsrichtung erzeugt unter anderem Reflux und Erbrechen.
  • Ausbuchtungen führen zu Divertikeln, die sich entzünden können.

„Keep your Srotas clean“, lautet ein ayurvedisches Sprichwort. Wir können durch eine zuträgliche ayurvedische Ernährung und Lebensweise der Ansammlung von Rückständen und Reizungen im Darm effektiv vorbeugen.

Der Darm als Sitz von Agni

Die Bedeutung unseres Körperfeuers fasst das wichtigste Kompendium, die Charaka Samhita, wie folgt zusammen:

Lebensspanne, Komplexion, Stärke, Gesundheit, Begeisterung, Korpulenz, Glanz, Immunität, Energie, Hitzeprozesse und der Lebenshauch – all diese Qualitäten sind vom Körper-Feuer abhängig. Erlischt dieses Feuer, stirbt man. Ist das Feuer funktionell gestört, sind Krankheiten die Folge. Brennt das Feuer regelrecht, steht einem langen und beschwerdefreien Leben nichts im Wege. Somit lässt sich Agni als grundlegende Ursache für Gesundheit, Krankheit und Tod definieren.“

Es werden dreizehn Arten an Körperfeuer unterschieden, von denen das Zentralfeuer (Jatharagni) im Magen-Darm-Trakt das wichtigste ist. Aus diesem Grund wird oft vereinfacht vom „Verdauungsfeuer“ gesprochen. Es ist verantwortlich für die Aufspaltung und Umwandlung von Nahrung in resorbierbare Essenz und ihre Trennung von unverdaulichem Abfall.

Feuer ist heiß, trocken, leicht, beweglich und penetrant. Alle Nahrungsmittel und Lebensgewohnheiten mit entgegengesetzten Qualitäten schwächen unser Agni. Beispiele hierfür sind kalte Getränke, Kuhmilch und Käse, Fleisch oder Süßwaren. Auch Tagesschlaf und mangelnde Bewegung reduzieren die feurigen Eigenschaften. Umgekehrt können wir durch gleiche Qualitäten das Agni steigern – ein prominentes Beispiel sind Gewürze, durch die unsere Verdauung angeregt wird.

Der Darm als Sitz von Vata, Pitta und Kapha

Vata, Pitta und Kapha sind Konglomerate (Gemische) von Eigenschaften (Guna), die bestimmte Funktionen im Körper steuern.

Im Magen-Darm-Trakt sind diese – von oben nach unten:

  • Bodhaka Kapha: speichelt die Nahrung ein
  • Prana Vata: transportiert die Nahrung vom Mund in den Magen
  • Samana Vata: stimuliert über unser Nervensystem die Verdauungsdrüsen
  • Kledaka Kapha: kleidet den Magen zum Schutz mit Schleim aus
  • Pachaka Pitta: spaltet Nahrung enzymatisch auf
  • Apana Vata: scheidet Kot aus

Alle sechs Unterarten arbeiten zusammen und beeinflussen sich gegenseitig.

So kann eine Störung von Prana Vata durch flache Atmung zu einer Schwächung von Samana Vata und damit einer Hemmung der Verdauung führen. In westlichen Termini lässt sich dieses Phänomen über das vegetative Nervensystem erklären: Dort ist unser Parasympathikus („rest and digest“) für die Verdauung zuständig, der Sympathikus („fight or flight“) hemmt sie hingegen. Durch tiefe Atmung kommt es zu einer Absenkung des Zwerchfells, der Parasympathikus wird aktiviert.

Die Eigenschaften von Vata, Pitta und Kapha stammen vor allem aus unserer Nahrung. Diese wird im Magen-Darm-Trakt aufgespalten, ihre enthaltenen Qualitäten resorbiert und zur weiteren Verstoffwechselung zu den Geweben transportiert. Somit können wir sagen, dass die drei Kräfte VPK (Dosha) im Magen-Darm-Trakt ursprünglich „gebildet“ werden. Der Hauptsitz von Vata liegt im Dickdarm, von Pitta im unteren Magen und oberen Dünndarm und von Kapha in der Brust und im oberen Magen.

Erkrankungen und Beeinträchtigungen der Darmgesundheit entstehen durch eine Aggravation (pathologische Zunahme) der Dosha. Diese findet zunächst an ihrem Hauptsitz statt, wandert dann zu Nebensitzen und breitet sich letztlich im ganzen Körper aus. Somit ist der Dickdarm Ursprungsort für alle Vata-Störungen. Umgekehrt beginnt Heilung durch eine Senkung der aggravierten Dosha an ihren jeweiligen Hauptsitzen. Aus diesem Grund werden für alle Vata-Störungen ölige Darmeinläufe empfohlen, Pitta-Probleme durch eine Reizlinderung des Magens und Kapha-Störungen durch leichte Entlastungskost behoben.

Unser Magen-Darm-Trakt ist also Entstehungsort für alle Qualitäten, die unseren Körper erhalten. Er nährt uns und entsorgt den Abfall. In ihm finden wir den Ursprung körperlicher Krankheit und die Quelle der Gesundung. Er korrespondiert über unser Nervensystem mit unserem Geist. Das ist einzigartig!

Darmgesundheit fördern: 10 ayurvedische Tipps

Für die Gesundheit unseres Darms können wir viel tun – hier meine persönlichen zehn Highlights:

  1. Essen Sie nur, wenn Sie hungrig sind – maximal dreimal täglich.
  2. Nehmen Sie die erste Mahlzeit frühestens zwei Stunden nach dem Aufstehen und die letzte spätestens drei Stunden vor dem Schlafen zu sich.
  3. Meiden Sie jegliche Zwischenmahlzeiten und trinken Sie stattdessen warme Getränke.
  4. Verzehren Sie täglich wechselnde Gemüsesorten, Hülsenfrüchte wie Mungdal, Frischobst (vor allem Äpfel und Trauben) zum Frühstück, Beilagensalate (vor allem Chicoree) mittags, Buttermilch (Takra) und feingemahlene Vollkornprodukte anstelle einfacher Kohlenhydrate.Damit stärken Sie den Aufbau gesunder Darmbakterien und hemmen die Vermehrung pathogener Keime. Derartige Nahrung wird daher auch als Präbiotikum bezeichnet.
  5. Würzen Sie mild mit Ingwer, Pfeffer, Curcuma, Hing, Fenchel, Kümmel, Kardamom und Koriander. Dünsten Sie diese Gewürze in etwas Ghee oder Olivenöl sanft an, bevor Sie die fein geschnittenen Gemüsesorten zufügen.
  6. Reduzieren Sie schwer verdauliche Nahrung wie Fleisch, Käse, Pilze, Frittiertes, frische Getreideerzeugnisse (Frischkornbrei, frisches Brot) und Süßwaren.
  7. Reduzieren Sie Reizstoffe wie Alkohol, Koffein, übermäßig saure Lebensmittel und sehr scharfe Gewürze.
  8. Nehmen Sie abends einen Teelöffel Triphala (alternativ 3 Gramm Tabletten) in warmem Wasser verrührt ein – es gilt als wichtigstes Regenerationsmittel für unseren gesamten Magen-Darm-Trakt.
  9. Reinigen Sie regelmäßig Ihren Darm gemäß Empfehlung durch einen qualifizierten Ayurveda Therapeuten.
  10. Essen Sie in Ruhe und tiefer Dankbarkeit bei achtsamer sinnlicher Wahrnehmung von Geschmack, Geruch, Anblick, Klang und Gefühl.

Ihr Darm wird es Ihnen danken.

Ralph arbeitet seit 25 Jahren voller Leidenschaft mit und für den Ayurveda als Therapeut, Dozent, Unternehmer, Journalist und Coach.

Er ist Gründer und Dirigent der Steuernagel Ayurveda Akademie, leitet die EURASIAMED Privatpraxis für Ayurvedamedizin, den Expertenbeirat des Ayurveda Journals und ist gefragter Referent im In- und Ausland.