KRISE ALS CHANCE – DIE CORONA-PANDEMIE AUS AYURVEDISCHER SICHT

Ich komme gerade vom Wochenmarkt, die Atmosphäre ist skurril. Menschen warten in langen Schlangen vor den Ständen, mehr als zwei Meter trennen sie vom Vordermann, es herrscht gespenstische Stille.

Ein Virus hält Deutschland und die Welt in Atem. Die Zahlen der Neuinfektionen steigen exponentiell an, eine Eilmeldung jagt die andere, das öffentliche Leben wird drastisch eingeschränkt.

Blicken wir nur zwei Monate zurück. Das neue Jahr hatte begonnen und viele von uns hatten Wünsche, Ziele, Pläne. Wir freuten uns auf den nahenden Frühling, den anstehenden Urlaub oder ein erfolgreiches Geschäftsjahr.

Und jetzt? Es herrscht große Unsicherheit, Traurigkeit, Urängste drängen sich auf, innere Dialoge trennen uns voneinander. Ist das der Untergang, die Apokalypse? Nein!

Was ist passiert?

Vor etwa drei Monaten begann eine Epidemie in China, deren Ursprung im ungezügelten, illegalen Handel und Konsum von infiziertem Wildfleisch lag. Nach anfänglichen Vertuschungsversuchen, die für autoritäre Regime typisch sind, geriet das wahre Ausmaß Mitte Januar an die Weltöffentlichkeit – leider zu spät. Das Virus hatte sich schon ausgebreitet und reiste dank Globalisierung fröhlich und unbemerkt durch die Welt. Nach China finden sich – Stand heute 17. März – die meisten Infektionen in Italien, Iran, Spanien und Südkorea – Deutschland liegt auf Platz 6 vor Frankreich, den USA und der Schweiz.

Ziel aller staatlichen Maßnahmen ist nun die Verlangsamung der Neuinfektionen und damit auch der schweren Verläufe, die eine intensivmedizinische stationäre Betreuung erfordern. Virologischen Schätzungen zufolge werden zwei Drittel von uns früher oder später an COVID-19 erkranken – 80% mit nur leichten bis moderaten Symptomen, 20% mit einer klinischen Verschlechterung, 5% mit Bedarf an invasiver Beatmung.

Wir können und müssen alle gemeisam dafür sorgen, dass unser Gesundheitssystem die steigende Zahl an schwer Erkrankten bewältigen kann und Zustände, wie sie in Italien derzeit herrschen, vermieden werden.

Die Expositionsprophylaxe dient der Vermeidung des Erregerkontaktes. Sie kennen aus den Medien alle hierzu erforderlichen Maßnahmen der Kontaktmeidung, Händehygiene, Desinfektion, Nies- und Hustenetikette.

Jetzt ist keine Zeit für Verschwörungstheorien, Verharmlosungen oder Ignoranz. Es ist auch nicht die Zeit für kausale Diskussionen – jetzt müssen wir alle auf uns aufpassen und anderen helfen. Mit Herz, Mitgefühl und Verstand.

COVID-19 ayurvedisch betrachtet

Das Coronavirus SARS-CoV-2 repliziert und vermehrt sich vor allem im Rachen und den oberen Luftwegen, im Ayurveda Prana Vaha Srotas genannt.

Es erzeugt meist trockenen Husten (Vataja Kasa), Fieber (Jvara), ggf. Atemnot (Shvasa), Müdigkeit und Abgeschlagenheit, Kopf- und Gliederschmerzen, gelegentlich Durchfall, Halsschmerzen oder Schnupfen.

Aus ayurvedischer Sicht führt eine Infektion zur Zunahme von Vata Dosha und einer Blockade in den Prana Vaha Srotas. Ärzte der TCM haben Coronaviruserkrankte untersucht und dabei fast immer dicke weiße Zungenbeläge festgestellt, die ayurvedisch auf Ama schließen lassen.

Fieber ist das Ergebnis von Dosha und Ama in unserem Nährsaft (Rasa Dhatu) sowie einer Blockade der schweißtreibenden Kanäle (Svedavaha Srotas).

Aus dieser Betrachtung heraus ergeben sich folgende fünf Strategien:

·       Atemwege pflegen, schützen und freihalten

·       Neues Ama vermeiden und altes reduzieren

·       Agni stärken und Verdauung regulieren

·       Vata Dosha besänftigen

·       Ojas zur Immunstärkung nähren

Was können wir tun?

Sehr viel! Ayurveda wird jetzt mehr denn je gebraucht.

Nebst der Expositionsprophylaxe gibt es die Dispositionsprophylaxe zur Verminderung unserer Krankheitsbereitschaft und Entschärfung eines möglichen Krankheitsverlaufes. Diese steht im Ayurveda im Vordergrund.

Die beste Prävention vor einer Ansteckung ist unser gesunder und individuell zuträglicher Lebensstil, der zu einem starken Immunsystem führt.

Achten Sie auf täglich warm und frisch zubereitete vegetarische Nahrung mit viel Gemüse, süßen und reifen Früchten, vollwertigem Getreide, Hülsenfrüchten (Mungdal, Masoordal), gesunden Fetten (Ghee, Olivenöl,
Walnussöl) und vielen Gewürzen. Trinken Sie warmes Wasser und Ingwertee. Meiden Sie fette, kalte und schwere Speisen, Joghurt und Käseerzeugnisse, Fertiggerichte und reduzieren Sie Alkohol auf ein Minimum.

Meine persönlichen Top 5 Lebensmittel zur Stärkung des Immunsystems sind Ingwer, Meerrettich, Chili, Knoblauch und Limone. Bauen Sie diese möglichst täglich in Ihren Speisenplan ein.

In der ayurvedischen Morgenroutine sollten Sie zunächst ein Glas heißes Wasser (60°) trinken und Ihre Zunge von Belägen befreien. Führen Sie täglich eine zehnminütige Mundspülung mit Sesamöl, Ghee oder ayurvedischen Ölmischungen durch. Reinigen Sie Ihre Nase mit Salzwasser und träufeln Sie 3-4 Tropfen Öl (Anu Taila, Shadbindu Taila) oder Ghee in jedes Nasenloch. Inhalieren Sie täglich 10-15 Minuten den Dampf von Thymian oder zerstoßenen Ajwainsamen in heißem Wasser mit etwas Meersalz.

Ayurvedische Nahrungsergänzungen werden seit 2000 Jahren zur Stärkung des Immunsystems und der Atemwege eingesetzt. Hierzu zählen die fünf klassischen Rezepturen

·       Chyavanprash Amla-Mus >>> 1 gehäufter TL mit Ingwertee

·       Dashamula Churna >>> 1-2 TL täglich in warmem Wasser

·       Sitopaladi Churna >>> 1-2 TL täglich mit Thymianhonig

·       Triphala Churna / Tabletten >>> 1 TL / 5 Tbl. abends mit warmem Wasser

·       Trikatu Churna >>> ½-1 TL täglich mit Thymianhonig

Fünf berühmte Einzelpflanzen sind

·       Amalaki zur Immunstärkung

·       Curcuma zur Infektabwehr

·       Guduchi zur Immunstärkung

·       Pippali zur Entschleimung, Infektabwehr und Immunstärkung

·       Vasaka zur Erleichterung der Atmung

Fragen Sie zur bestmöglichen individuellen Auswahl aus den obenstehenden Produkten einen erfahrenen Ayurveda Therapeuten.

Krise als Chance nutzen

Es liegt in unserer Natur, scheinbar automatisch funktionierende Systeme nicht oft zu hinterfragen. Geht es uns subjektiv gut, ändern wir an unserer Einstellung und dem daraus resultierenden Lebensstil herzlich wenig.

Blicken wir einmal auf unser Leben zurück: Welche Ereignisse waren Meilensteine und brachten die größte Entwicklung? Woraus haben wir am meisten gelernt? Was hat uns am stärksten geprägt?

Meist sind es leidvolle Erfahrungen, die das Potenzial großer Transformation in sich bergen. Jede und jeder von uns sollte jetzt entschleunigen, innehalten und das eigene Leben reflektieren. Was möchte ich ändern, sobald der Sturm der Pandemie vorbeigezogen ist? Wer und was sind mir wirklich wichtig im Leben?

Was wäre, wenn der Coronavirus dazu führte, dass

·       wir unseren Lebensstil verändern, da Gesundheit nicht selbstverständlich ist?

·       wir weniger und bewusster tierische Lebensmittel verzehren?

·       wir uns wieder auf Kernwerte besinnen und nicht nur To-Do-Listen abarbeiten?

·       wir mehr im Einklang mit der Natur und ihren Rhythmen leben?

·       wir unseren Freunden, Nachbarn und Familien näher kommen?

·       wir uns gegenseitig mehr respektieren und gegenseitig unterstützen?

·       ehemals befeindete Völker zusammenfinden und Kriege beenden?

·       weltweite Armut, Hunger und Unterdrückung ein Ende finden?

·       sich die Globalisierung nicht mehr ausschließlich auf Wirtschaftsinteressen bezieht?

·       die Natur, ihre Pflanzen und Tiere mehr geachtet und geschützt werden?

Das wäre großartig!

Sicherlich werden nicht alle zehn genannten Folgen sofort eintreten, aber jeder einzelne Schritt ist wertvoll.

Leid entsteht durch unser Festhalten an Vergänglichem, sagte Buddha vor über 2500 Jahren. Die Wurzeln sind Unwissenheit, Anhaftung und Abneigung. Lösen wir uns von der Illusion, Vergängliches aufrecht erhalten zu können, und tauchen ein in den gegenwärtigen Moment, entsteht eine innere Freiheit. Aus dieser heraus können wir alle Krisen meistern, aus ihnen lernen und an ihnen wachsen. Dann hätte Corona einen tiefen Sinn.

Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute!

Mit den besten Grüßen aus Bad Homburg,

Ralph Steuernagel

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Ralph arbeitet seit 25 Jahren voller Leidenschaft mit und für den Ayurveda als Therapeut, Lehrer, Unternehmer, Journalist und Coach. Er ist Gründer und Dirigent der Steuernagel Ayurveda Akademie, leitet die EURASIAMED Privatpraxis für Ayurvedamedizin, den Expertenbeirat des Ayurveda Journals und ist gefragter Referent im In- und Ausland.

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