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WAS IST KLASSISCHER AYURVEDA?

Seit etwa drei Jahrzehnten wird Ayurveda auch im Westen praktiziert und erreicht immer mehr Menschen mit dem Wunsch nach ganzheitlicher Gesundheit und Lebensgestaltung. Viele Anbieter werben mit den Begriffen „authentisch", „traditionell" oder „klassisch" im Zusammenhang mit ihren ayurvedischen Angeboten. Die Stilrichtungen unterscheiden sich dabei deutlich und widersprechen sich teilweise sogar. Können Laien „echte" Ayurveda Konzepte überhaupt erkennen - und wenn ja, woran? Wie authentisch sind ayurvedische Angebote in Europa im Vergleich zu den Ursprungsländern Indien und Sri Lanka?

Samhita

Die Ursprünge der klassischen Ayurvedamedizin reichen bis in die vedische Phase (etwa 1750 v.C. bis 500 v.C.) der indischen Geschichte zurück. Im goldenen Zeitalter von 200 v.C. bis 800 n.C. wurde die Lehre systematisiert und es entstanden international anerkannte Textsammlungen (Samhita), deren vier wichtigsten Vertreter die Charaka, Sushruta, Asthangahrdaya und Ashtangasamgraha Samhita sind. In diesen Schriften wurden alle wesentlichen Inhalte der Ayurveda-Lehre zusammengestellt. Sie gelten als die Quelle des klassischen Ayurveda.

Die unbekannte Variable

Auf meinen vielen Studienreisen durch das ayurvedische Mutterland Indien begegneten mir in den 90er Jahren Gelehrte, praktizierende Ärzte und einfache Menschen mit einem faszinierenden Erfahrungswissen jenseits klassischer Ayurveda Kompendien. Sie erhielten Übertragungen durch ihre Lehrer oder wuchsen in Familientraditionen auf, die über Generationen Wissen entwickelten.

Dieses Erfahrungswissen ist die große unbekannte Variable in der Fragestellung „Was ist klassischer Ayurveda". Wurden wichtige Inhalte der Ayurveda Lehre möglicherweise nur mündlich übertragen und fanden nie den Weg in traditionelle Kompendien? Wie groß ist der Anteil der Lehrinhalte, die im Mittelalter vernichtet wurden oder verloren gingen? Steht uns heute tatsächlich ein Großteil ayurvedischen Wissens über die alten Schriften zur Verfügung?

Umgekehrt betrachtet liegt in dieser Variablen auch eine große Gefahr des Missbrauchs. Traditionelles Heilwissen lässt sich schwer überprüfen. Insbesondere hoch subjektive diagnostische Verfahren wie die Pulspalpation oder pharmazeutisches Wissen alter Familienrezepturen entziehen sich möglicher wissenschaftlicher Verifikation und Falsifikation. Deshalb sei davor gewarnt, als Laie alles anzunehmen, nur weil es alt und traditionell erscheint.

Klassischer Ayurveda passt sich an

Die alten Schriften des Ayurveda wiesen auf die notwendige Anpassung aller therapeutischen Maßnahmen an

  • zeitliche (Kala),
  • örtliche (Desha) und
  • familiäre (Kula) bzw. soziokulturelle Gegebenheiten hin.

Daraus lässt sich ein Koordinatenkreuz ayurvedischer Stile mit einer Zeitachse und einer Ortsachse erstellen:

  • Die Zeitachse reicht vom Ursprung bis zur Gegenwart: Traditioneller Ayurveda >>>>> Moderner Ayurveda.
  • Die Ortsachse reicht von Indien bis Europa: Indischer Ayurveda >>>>> Europäischer Ayurveda.

Keiner dieser ayurvedischen Stile ist besser oder schlechter, richtig oder falsch, sondern einfach nur andersartig in seiner Durchführung. Jeder Stil sollte aber ohne Verlust an Authentizität praktiziert werden und primär auf den verfügbaren klassischen Texten basieren. Welcher Stil zu wem passt, hängt von den individuellen Bedürfnissen ab.

Eine traditionell orientierte Ayurveda Praxis wird Sie sinnlich in die alte Zeit führen, Sie werden auf traditionellen Holzbänken behandelt und sind möglicherweise von Bildern und Statuen indischer Gottheiten umgeben. In einer modern orientierten Ayurveda Einrichtung geht es deutlich klinischer zu, Mobiliar und Technik entsprechen heutigen Kriterien professioneller Praxen. In beiden Praxen kann höchst anspruchsvolle Ayurvedamedizin praktiziert werden, lassen Sie sich daher nicht von Äußerlichkeiten irritieren.

Die Anpassungsfähigkeit des Ayurveda ist seine große Stärke. Weltweit können somit bestehende Gesundheitssysteme durch die ayurvedische Medizin und Lebensphilosophie bereichert werden.

Traditioneller Ayurveda versus Moderner Ayurveda

Unser Leben hat sich mit dem technischen Fortschritt in den letzten Jahren zunehmend verändert: es läuft schneller, vielfältiger, rastloser. Muss und Muße befinden sich nicht immer im gesunden Gleichgewicht, unsere Fähigkeit zur Stressbewältigung wird herausgefordert. Das macht sich auch in der Medizin bemerkbar: Therapien sollen schneller wirken, leichter anwendbar und weniger unangenehm sein.

Viele der im traditionellen Ayurveda empfohlenen Maßnahmen benötigen Zeit, Geduld und Ruhe. Sehr gut kann man dies in der berühmten Ausleitungskur Panchakarma erkennen – sie benötigt in der kompletten Durchführung 4-12 Wochen Zeit. Nach jedem intensiven Eingriff in das Körpermilieu werden Ruhepausen verordnet. Im europäischen Ayurveda der Gegenwart liegen die meisten Panchakarma Angebote zwischen 10-20 Tagen. In den USA konnte ich sogar ein „One Day Panchakarma Treatment" finden.

Bei derartigen Kürzungen und Komprimierungen von Therapieinhalten lassen sich nur schwer vergleichbare Ergebnisse erzielen. Hier können wir also sicher von einem Verlust an Authentizität und Wirksamkeit sprechen. Dennoch gilt auch hier der Leitsatz: besser kürzer als gar nicht. Nähere Informationen zur Panchakarma Kur und eine Checkliste für die Auswahl des Kuranbieters können Sie unserer Kurinformationsseite entnehmen: >>> Ayurveda Kuren

Wurden im traditionellen Ayurveda Arzneien von Hand gefertigt, so kommen im modernen Ayurveda zunehmend pharmazeutische Maschinen zum Einsatz. Enthalten im traditionell indischen Ayurveda Arzneien oft mehr als 30 Bestandteile, so entwickelt sich der moderne europäische Ayurveda zunehmend hin zu einer Monodrogentherapie in Kapselform. Gab es im traditionellen Ayurveda nur eine begrenzte Anzahl an Speiseölen und Fetten, so stehen heute über 30 Arten in Europa zur Verfügung. Fehlten im traditionellen Ayurveda Informationen zur Durchführung einer Bewegungstherapie (Vyayama), so können im modernen Ayurveda Ausdauer-, Kraft- und Flexibilitätstrainings ayurvedisch gezielt gestaltet werden.

Die Stärke des modernen Ayurveda liegt in der Vernetzung mit der westlichen Humanmedizin und einheimischen Naturheilverfahren. Moderne ayurvedische Diagnostik bezieht auch Ergebnisse westlicher Labordiagnostik und bildgebender Verfahren mit ein. Dadurch lassen sich Patienten effektiver und verantwortungsvoller behandeln. Zugleich können heute ayurvedische Behandlungsverläufe besser kontrolliert und Ergebnisse differenzierter bestätigt werden.

Indischer Ayurveda versus Europäischer Ayurveda

Während im indischen Ayurveda auch heute noch viele akute Infektionserkrankungen behandelt werden, so steht im europäischen Ayurveda die Begleitung chronisch, funktionell und psychosomatisch erkrankter Menschen im Vordergrund. In Indien werden deutlich mehr Patienten täglich behandelt, in großen Kliniken manchmal sogar im 5-Minuten-Takt, den wir sonst nur aus dem hektischen westlichen Medizinalltag kennen. In Europa widmet ein Ayurveda Therapeut seinen Klienten viel Zeit und Aufmerksamkeit, selten werden mehr als 10 Patienten täglich versorgt.

Die große Stärke des indischen Ayurveda liegt in seiner Verwurzelung und Verbindung zur Tradition. Viele Inhalte der alten Schriften sind uns Westlern fremd, für Inder jedoch Teil ihrer Kultur. Ein indischer Ayurveda Arzt kann aus zahlreichen Arzneien wählen, die in allen Darreichungsformen verfügbar sind. Die rechtlichen Rahmenbedingungen zur Durchführung ayurvedischer Therapien sind zudem deutlich weniger einschränkend.

In Europa spielt das Verständnis der persönlichen Konstitution im Vergleich zum gegenwärtigen Zustand eine übergeordnete Rolle. Der europäische Ayurveda Therapeut geht mehr auf Lebensumstände, Gefühle und Bedürfnisse seiner Klienten ein. Er ist häufig Ansprechpartner in medizinischen, psychologischen und spirituellen Fragestellungen. Ayurvedische Arzneien sind zwar in geringerem Umfang, dafür aber in höherer und v.a. kontrollierter Qualität verfügbar.

Fazit

Es gibt nur einen klassischen Ayurveda, der auf der etwa 2500 Jahre alten indischen Tradition basiert. Seine Anwendung kann indisch, europäisch, traditionell und/oder modern erfolgen. Kombinationen dieser Stilrichtungen sind häufig anzutreffen.

Ob eine Praxis oder ayurvedische Einrichtung tatsächlich klassische Ayurvedamedizin praktiziert, ist für Laien nur schwer erkennbar. Je mehr sie sich mit der Ayurveda Lehre beschäftigen, desto besser lernen sie zu unterscheiden.

Dazu soll meine Infothek und dieser Ayurveda Blog beitragen.

Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit,

Ralph Steuernagel

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