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AYURVEDISCHE TEEKULTUR

„Man trinkt Tee, damit man den Lärm der Welt vergisst“, sagte einst der chinesische Philosoph Tien Yi Heng.

Tee ist weit mehr als ein heißes Getränk mit Geschmack. In vielen Kulturen ist sein Konsum in gesellschaftliche Rituale eingebettet – die bekanntesten unter ihnen sind die Zeremonien aus China und Japan, in denen detaillierte Regeln unter höchster Achtsamkeit zu befolgen sind. Aber auch in Nordeuropa haben sich Teekulturen entwickelt – so ist der „Afternoon Tea“ fester Bestandteil der britischen Etikette und die „Teetied“ Ausdruck ostfriesischer Geselligkeit. In Frankreich werden Teesorten aus allen Ländern in den berühmten „Salons de thé“ serviert.

Teekultur

Seit der Öffnung des Westens für östliche Kulturen und Medizinsysteme haben v.a. Grüntee und Kräutertees ganzjährig Hochkonjunktur. In Bioläden und Reformhäusern werden Teepackungen meterlange Regale gewidmet, zunehmend auch unter der Bezeichnung „ayurvedischer Kräutertee“. Was verbirgt sich dahinter?

Kleine Teekunde

Im engeren Sinne wird unter dem Namen „Tee“ ein Heißwasseraufguss der Teepflanze Camellia sinensis verstanden. Traditionell wurden hierfür frisch geerntete Teeblätter verwendet. Aufgrund der geringen Haltbarkeit entwickelte man unterschiedliche Verfahren der Trocknung und Grade der Oxidation.

Heute werden primär 6 Teearten unterschieden, die alle der gleichen Stammpflanze entspringen:

  • Grüner Tee – keine Oxidation (unfermentiert)
  • Weißer Tee – keine Oxidation (unfermentiert)
  • Gelber Tee – minimale Oxidation (teilfermentiert)
  • Oolong Tee – teilweise Oxidation (halbfermentiert)
  • Schwarzer Tee – komplette Oxidation (fermentiert)
  • Pu-Erh-Tee – spezieller Reifungsprozess mit mikrobieller Fermentation

Tee enthält bis zu 5% des Alkaloides Koffein, das im Kaffee nur zu etwa 1% vorkommt. Durch die stärkere Verdünnung im Tee ist dessen Wirkung allerdings abgeschwächt. Dennoch kann der hohe Konsum zu Nebenwirkungen führen.

Gesundheitliche Vorteile werden seit Jahren den unfermentierten Blättern zugeschrieben und wissenschaftlich anerkannt. Sie enthalten eine Reihe pharmakologisch aktiver Substanzen zum Schutz von Blutgefäßen, zur Abwehr von Mikroorganismen, zur Normalisierung der Blutfette und des Blutzuckers und zur Prävention von neurodegenerativen Erkrankungen.

Japanische Forscher konnten in Langzeitstudien beweisen, dass Teetrinker eine um 15-20% niedrigere Sterberate an Herz-Kreislauferkrankungen und Schlaganfällen aufwiesen als Nicht-Teetrinker – vorausgesetzt, man trank mindestens 3-5 Tassen täglich und führte auch sonst ein gesundes Leben.

Aus ayurvedischer Sicht ist unfermentierter Tee geschmacklich herb und bitter und weist die Eigenschaften trocken, leicht, kühl und beweglich auf. Er wirkt Kapha und Pitta senkend, erhöht aber Vata. Daher sollten Menschen mit nervlichen Beschwerden, Schlafstörungen und Trockenheitsproblemen den Konsum stark einschränken oder besser meiden. Pitta Konstitutionen können v.a. im Sommer Grün- oder Weißtee mit einem Teelöffel Sharkara Rohrzucker süßen und damit innere Hitze kühlen. Kapha Konstitutionen vertragen die größten Mengen, sollten aber auf jegliche Süßung verzichten.

Fermentierte Produkte werden im Ayurveda kritisch betrachtet, da sie zu Reizzuständen des Blutes und damit der Begünstigung von Entzündungen führen können (Raktadushti). Deshalb sollte den nicht- oder halbfermentierten Teesorten der Vorzug gegeben und der Konsum von Schwarz- und Pu-Erh-Tee eingeschränkt werden.

Die größten Teeproduzenten weltweit sind China und Indien. Auch das flächenmäßig kleine Sri Lanka ist ein bedeutender Exporteur seines berühmten „Ceylon Tea“. In Indien werden der kräftige Assam aus dem Osten und der zarte Darjeeling aus den Südhängen des Himalaya unterschieden.

Wer erstmalig Indien besucht, wird eines nie vergessen: den einzigartigen Geschmack von Chai, genauer gesagt Masala Chai (Gewürztee), der an jeder Straßenecke auf Rollwägen professionell zubereitet wird. Seine Rezeptur variiert je nach Region, die Grundzutaten sind Wasser, Kuhmilch, Rohrzucker, Schwarztee, frischer Ingwer, Kardamomkapseln, Nelken und häufig eine scharfe Masala-Pulvermischung. Viele Inder trinken davon mehr als 10 kleine Tassen täglich, so dass für zeremonielle Handlungen wie in Fernost keine Zeit bleibt. Man genießt ihn einfach. Masala Chai ist keine ayurvedische, sondern eine indische Rezeptur! Ayurvedischer wird sie als reiner Gewürztee durch Weglassen des Schwarztees.

Tee aus Kräutern, Früchten und Gewürzen

Im erweiterten Sinne wird der Begriff Tee in den deutschsprachigen Ländern auch auf das Überbrühen unterschiedlicher Pflanzenteile von Kräutern, Gewürzen und Früchten angewandt. In Frankreich und Spanien nennt man diese Infusion.

Die heilkundliche Anwendung von Pflanzen in Indien und China reicht in das 6. Jahrtausend v.C. zurück – zum Vergleich: die Teepflanze Camellia sinensis ist erst seit dem 18. Jahrhundert n.C. bekannt.

Der griechische Arzt Galenos von Pergamon (129-201 n.C.) verfasste ein vielbändiges Werk über damals bekannte Heilpflanzen (Drogen) mit detaillierten Zubereitungsanweisungen, die als „galenische Zubereitungen“ bis heute ihre Anwendung finden. Hierbei handelt es sich um 3 wässrige Auszüge von Einzeldrogen oder Drogengemischen:

  • Infusum = Aufguss der Droge(n) mit siedendem Wasser
  • Decoctum = Abkochung und damit gezielte Konzentration
  • Macerat = Kaltwasserauszug

Im traditionellen Ayurveda zählen diese drei Zubereitungen zu Kashaya, den wässrigen Extraktionsverfahren.

Die Wahl der Zubereitung hängt vom verwendeten Pflanzenteil und den erwünschten Inhaltsstoffen ab:

  • Blätter, Blüten und Kräuter werden zumeist sanft als Infusum zubereitet.
  • Hölzer, Rinden und Wurzeln werden vorwiegend abgekocht, um deren Wirkstoffe besser lösen zu können.
  • Schleimstoffhaltige Drogen werden häufig in Kaltwasser zum Quellen angesetzt.

Für einen Teeaufguss werden grob geschnittene, getrocknete Kräuter und Früchte verwendet. Die Menge je Tasse variiert von 1 TL bis 1 EL, die mit 150ml siedendem Wasser übergossen werden. Nach 5-10 Minuten des Ziehens unter geschlossenem Deckel wird der Tee durch ein Sieb filtriert und schlückchenweise getrunken.

Eine Unterart stellt das Überbrühen pflanzlicher Pulver (Churna) dar, die nicht filtriert werden müssen und komplett eingenommen werden können.

Ein Dekokt wird im Ayurveda nach einer klassischen Formel zubereitet: 1 Teil Droge (= 25 Gramm) wird mit 16 Teilen Wasser (= 400ml) auf ¼ (=100ml) eingekocht, die Dauer beträgt 20-25 Minuten. Das Filtrat wird 2x täglich mit je 50ml getrunken. Von Genuss kann hier allerdings keine Rede sein, es handelt sich um ein starkes Konzentrat mit ausgeprägter medizinischer Wirkung. Mildere Formen der Dekokte werden nur 5-10 Minuten geköchelt und sind dann angenehmer zu trinken.

Für ein Mazerat wird die Droge mit 150ml kaltem Wasser angesetzt und nach 1-2 Stunden, in manchen Fällen auch erst nach einer Nacht, filtriert.

Die Bedeutung von Tee im Ayurveda

Der Mensch ist ein Warmblüter. Sein Körper setzt sich aus den 5 Elementen Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum zusammen. Das Element Feuer ist für den Erhalt der Körpertemperatur zuständig und regelt alle wärmeabhängigen Verdauungs- und Stoffwechselprozesse. Ohne diese Funktion sind wir nicht überlebensfähig.

Die Balance der 5 Elemente muss täglich durch die Aufnahme zuträglicher Nahrung und Getränke, regelrechte Ausscheidung von Abfallprodukten (z.B. Kot, Urin, Schweiß) und die harmonische Lebensführung (v.a. Wechsel von Ruhe und Aktivität) aufrecht erhalten werden.

Aus ayurvedischer Sicht ernähren sich viele Menschen schlichtweg zu kalt. Der hohe Konsum von eisgekühlten Getränken, Joghurt und Milchprodukten, Smoothies und Salatplatten führt zur Abnahme des heißen Feuer- und einer Zunahme des kalten Wasserelementes. In der Folge können sich unter anderem Verdauungsprobleme, Schleimerkrankungen und Müdigkeit entwickeln.

Die Stärkung des Feuerelementes kann durch den Einsatz wärmender Gewürze (z.B. Ingwer, Pfeffer, Kümmel) und Zubereitungsarten (kochen, dünsten, dämpfen, braten, grillen, rösten) sowie heiße Getränke erzielt werden.

Ayurveda empfiehlt Kapha-Konstitutionen den Konsum heißer und tiefwarmer Getränke. Vata-Konstitutionen sollten sich zwischen warm und tiefwarm bewegen, um einer zu starken Trocknung vorzubeugen. Für Pitta-Konstitutionen eignen sich neutrale bis warme Temperaturen. Kühle und kalte Flüssigkeiten kommen nur therapeutisch in Ausnahmefällen zum Einsatz.

Nebst der Temperatur kommt es im Ayurveda auf die richtige Auswahl der Inhaltsstoffe an. Der Einsatz von Süßholz oder Ingwer macht einen Tee nicht gleich zum Ayurveda-Tee. Substanzen werden nach Ihren Eigenschaften als erhitzend oder kühlend, trocknend oder befeuchtend, leicht machend oder erschwerend sowie beruhigend oder anregend eingestuft.

In Teemischungen sollte eine klare Strategie erkennbar sein – Kombinationen zu gleichen Teilen aus heißem Ingwer und kalter Süßholzwurzel oder trockenem Grüntee mit befeuchteder Eibischwurzel ergeben keinen Sinn und werden als unzuträglich angesehen. Man kann sehr wohl eine intensive Wirkung durch ihr Gegenteil ausgleichen, dann aber in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen: 4 Teile Ingwer mit 1 Teil Süßholz ist ayurvedisch intelligent.

Vata-Pitta-Kapha Tee – was bedeutet das?

Störungen entstehen nach ayurvedischer Vorstellung durch ein Ungleichgewicht von Eigenschaften, die den drei Prinzipien Vata, Pitta und Kapha zugeordnet werden. In diesem Zusammenhang wird von einer „Erhöhung“ oder „Aggravation“ eines Dosha gesprochen. Um dieses zu korrigieren, gleicht man die jeweils erhöhte Eigenschaft durch ihr Gegenteil aus. Ist beispielsweise die Trockenheit erhöht, so liegt eine Vata-Störung vor. Korrigiert wird diese durch Einnahme befeuchtender Pflanzen wie Süßholwurzel.

Ein „Vata-Tee“ beinhaltet Substanzen, die erhöhtes Vata senken. Er sollte wärmend, befeuchtend, stabilisierend und beruhigend wirken. Die kühlen, trockenen, stabilisierenden und beruhigenden Pflanzen in einem „Pitta-Tee“ senken das erhöhte Pitta. Der „Kapha-Tee“ wird mit erhitzenden, trocknenden, leichten und anregenden Substanzen zusammengestellt und senkt hohes Kapha.

Nun ist es wenig sinnvoll, alle gegensätzlichen Eigenschaften der Dosha in jeweils einem einzigen Tee zusammen zu bringen. Das würde einer Breitbandtherapie entsprechen, in der man alle Probleme abdecken möchte, aber keines richtig anspricht. Daher sollte der Schwerpunkt einer Teemischung auf 1-2 Eigenschaften liegen, die man behandeln möchte.

Beispiele für traditionelle Rezepturen aus Indien

  • Dashamula | Eine Mischung aus 10 Wurzeln zur Stärkung und Stabilisierung von Vata. | Zubereitung: als konzentrierter Dekokt nach klassischer Formel (s.o.) mit der Einnahme von 2x 50ml täglich, als milder Dekokt mit 1 EL auf 250ml Wasser 5 Minuten bei mittlerer Flamme geköchelt.
  • Triphala | Eine Mischung aus den 3 Früchten Amalaki, Bibhitaka und Haritaki. Triphala gilt als eine der balanciertesten Rezepturen im Ayurveda, die alle drei Dosha harmonisiert, die Verdauung reguliert und alle drei Körperregionen (Brustraum, mittlerer und unterer Bauchraum) anspricht. | Zubereitung: 1 TL der pulverisierten Mischung (Triphala Churna) mit 150ml heißem Wasser überrühen und tiefwarm trinken
  • Trikatu | Eine scharfe Gewürzmischung aus Ingwer, Schwarzpfeffer und Langpfeffer. Trikatu wirkt erhitzend, fördert die Verdauung und reduziert Schleim aus den Atemwegen – somit ist es vorbeugend und akut bei Erkältungsinfekten mit Schleimbeteiligung geeignet. Trikatu senkt Kapha und wärmt Vata, ist allerdings bei hohem Pitta und gereizten Schleimhäuten aufgrund seiner Schärfe ungeeignet. | Zubereitung: ½ TL der pulverisierten Mischung (Trikatu Churna) mit 150ml heißem Wasser überbrühen, auf ca. 60 Grad abkühlen lassen, dann einen TL Thymianhonig (zur Kapha-Senkung) oder Sharkara (bei Vata-Problemen) beimengen und direkt genießen.
  • Sariva | Die Wurzel von Hemidesmus indicus, in Sri Lanka traditionell Iramusu genannt, gilt im Ayurveda als kühlend, blutreinigend und entzündungshemmend und wird bei Hauterkrankungen, Atemwegsbeschwerden, Menstruationsproblemen und in der Kinderheilkunde verwendet. Sariva senkt alle drei Dosha und kann auch kurweise getrunken werden. | Zubereitung: 1 TL des Wurzelpulvers (Sariva Churna) mit 1 Liter Wasser 6-8 Minuten bei mittlerer Flamme köcheln, dann 2 Minuten nachziehenlassen und in eine Thermoskanne ausgießen.

Ayurvedische Rezepturen mit einheimischen Pflanzen

Die Verfügbarkeit indischer Heilpflanzen in Europa ist begrenzt. Ayurvedische Individualrezepturen lassen sich daher viel besser mit einheimischen Pflanzen erstellen. Nachfolgend finden Sie je zwei Beispiele für einen Vata-, einen Pitta- und einen Kapha-Tee. Sollten Sie unter gesundheitlichen Beschwerden leiden, fragen Sie vor Anwendung Ihren Arzt oder kundigen Therapeuten.

Vata-Tee zur Wärmung und Beruhigung

  • Melissenblätter (Melissae folium) 3 Teile
  • Lavendelblüten (Lavandulae flores) 2 Teile
  • Baldrianwurzel (Valerianae radix) 1 Teil

Vata-Tee zur Stärkung und Befeuchtung

  • Eibischwurzel (Althaeae radix) 3 Teile
  • Lindenblüten (Tiliae flores) 2 Teile
  • Taigawurzel (Eleutherococci radix) 2 Teile

Pitta-Tee zur Kühlung und Beruhigung

  • Birkenblätter (Betulae folium) 1 Teil
  • Passionsblume (Passiflorae herba) 1 Teil
  • Fenchelfrüchte (Foeniculi fructus) 1 Teil

Pitta-Tee zur Entzündungshemmung

  • Stiefmütterchenkraut (Viola tricoloris herba) 1 Teil
  • Weidenrinde (Salicis cortex) 1 Teil
  • Süßholzwurzel (Liquiritiae radix) 1 Teil

Kapha-Tee zur Gewichtsreduktion

  • Brennesselkraut (Urticae herba) 3 Teile
  • Artischockenblätter (Cynarae folium) 2 Teile
  • Galgantwurzel (Galangae rhizoma) 1 Teil

Kapha-Tee zur Schleimreduktion

  • Thymiankraut (Thymi herba) 4 Teile
  • Eukalyptusblätter (Eucalypti folium) 2 Teile
  • Süßholzwurzel (Liquiritiae radix) 1 Teil

Auf den Zweck kommt es an

Tee als Getränkealternative soll schmecken, muss aber nicht unbedingt wirken. Hierfür kommen v.a. Früchtetees zum Einsatz, oft gepaart mit milden Kräutern. Diese dienen dazu, den täglichen Flüssigkeitsbedarf kalorienarm zu decken.

Heiltees sollen wirken, müssen daher aber nicht immer schmecken. Die stärksten Heilpflanzen sind meist bitter und herb. Wenn es Ihnen zu bitter wird, denken Sie an ein altes chinesisches Sprichwort: „Bitterer Tee, mit Wohlwollen dargeboten, schmeckt süßer als Tee, den man mit saurer Miene reicht.“

Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit,

Ralph Steuernagel

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