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AYURVEDA PULSDIAGNOSE: ESSENZ ODER SCHWINDEL?

Sie wird in den Medien und seitens vieler Anbieter als die ultimative Diagnosetechnik der Ayurvedamedizin präsentiert: NADI PARIKSHA, die ayurvedische Pulsuntersuchung. Aus dem Puls liest der Ayurveda Arzt Gesundheit und Krankheit seiner Patienten, lautet der einheitliche Tenor. Aber entspricht dieser tatsächlich der ayurvedischen Lehre oder wird vielmehr ein mystisches Klischee bedient?

Pulsdiagnose

Weshalb übt die Untersuchung des Pulses eine derartige Faszination auf Patienten und Studenten der Ayurvedamedizin aus? Welche Aussagekraft besitzt der Puls eines Individuums tatsächlich? Welche Fähigkeiten benötigt ein Untersucher, um aus dem Puls medizinisch wertvolle Informationen zu erhalten? Wie störanfällig ist der Puls und wie hoch liegt die Fehlerquote in seiner Beurteilung? Welche Pulsmerkmale sind höchst subjektiv, welche wissenschaftlich objektivierbar? Nach welchen Kriterien werden Pulse ayurvedisch beurteilt? Woran erkennen wir seriöse Anbieter einer ayurvedischen Pulsuntersuchung?

Die Pulsuntersuchung im klassischen Ayurveda

In den ältesten Ayurveda Kompendien von Caraka, Sushruta und Vagbhata fehlen jegliche Beschreibungen einer Pulsuntersuchung als essentieller Teil ayurvedischer Diagnostik. Das verwundert Viele, die bislang Pulsdiagnostik als die klassische Methode im Ayurveda begriffen.

Die Tatsache, dass Beschreibungen in den alten Schriften fehlten, beweist natürlich nicht, dass die Pulsuntersuchung in der ärztlichen Praxis tatsächlich fehlte. Lesen Sie zur wichtigen Fragestellung der unbekannten Variablen auch meinen Beitrag Was ist klassischer Ayurveda?.

Erstmals schriftlich erwähnt wurde Nadi Pariksha im 13. Jahrhundert in der Sharangadhara Samhita und später im 17. Jahrhundert im Yogaratnakara als Teil einer achtfachen Untersuchungsmethodik, der Ashtavidha Pariksha. Zu den acht Verfahren zählen nebst der Pulspalpation auch die Untersuchung von Urin, Stuhl, Zunge, Geräuschen (Stimme, Herz, Bauch, Gelenke), Haut, Augen und Gesamterscheinung.

Nadi bedeutet im Sanskrit sowohl Puls als auch Nerv und beschreibt die feinen Energiebahnen, durch die Prana, die Lebenskraft, fließt. Somit reflektiert der Puls traditionell den Zustand von Prana und der Nervenenergie. Sharangadhara schrieb: „Der radiale Puls steht für die Präsenz des Lebens. Der Arzt sollte in der Lage sein, Gesundheit und Krankheit über die Aktivitäten des Pulses zu erfassen".

Traditionell wurde die Bewegung eines Pulses mit Tierbildern verglichen. Bei einer Erhöhung von Vata ähnelt die Bewegung des Pulses derer von Schlangen (Sarpagati). Ist Pitta erhöht, ähnelt die Bewegung derer von Fröschen (Mandukagati). Hohes Kapha ähnelt der Bewegung von Schwänen (Hamsagati).

In der traditionellen Unani-Medizin, dem arabisch-islamischen Pendant zum Ayurveda in Indien, spielte die Pulsuntersuchung eine deutlich stärkere Rolle. Die Hakims (Unani-Ärzte nach ihrem Studium) hatten oft nicht einmal die Möglichkeit, das Gesicht der verschleierten Patientinnen zu sehen und mussten daher alle Informationen über den Puls erfassen. Diese Herausforderung existiert glücklicherweise im heutigen Ayurveda nicht mehr.

Der Puls ist sehr fein und schnell veränderlich - Hunger und Durst, Schlafmangel und jegliche Emotionen beeinflussen seine Qualitäten direkt. Deshalb wird eine Untersuchung in möglichst ungestörtem Zustand innerhalb von 3 Stunden nach dem Erwachen morgens empfohlen - was natürlich jenseits der heutigen Realitäten in ayurvedischen Praxen liegt.

Weitere wichtige zu beachtende Faktoren sind Tages- und Jahreszeit, psychischer Status, körperliche Aktivität, Ernährungsstatus, Genussmittel, anatomische Individualitäten, Atmung, akute Infektionen und Medikamenteneinnahmen. Sie alle beeinflussen das Untersuchungsergebnis in großem Maße und können unbeachtet schnell zu Fehldiagnosen führen.

Vom Mystikfaktor profitieren Alle - außer dem Ayurveda

Viele Patienten, die ayurvedische Praxen aufsuchen, wünschen sich etwas Andersartiges, etwas Geheimnisvolles, etwas über die eigene Wahrnehmung Hinausgehendes. Die rationale Medizin, die auf messbaren Daten und Fakten basiert, hat sie oft enttäuscht. Der Ayurveda Arzt hat andere Fähigkeiten, Menschen ganzheitlich wahrzunehmen, glauben sie. Die Pulsuntersuchung wird so zum intimen Symbol von Hingabe und Vertrauen, man lässt den weisen Ayurvediker in sich hineinschauen.

Ayurveda Therapeuten genießen oft die Machtstellung, die ihnen eine ayurvedische Pulsuntersuchung verleiht. Ihre Patienten öffnen sich und vertrauen, es gibt kaum lästige Fragen oder Diskussionen um die Korrektheit einer Interpretation. So lassen sich Veränderungen leichter vermitteln, die Compliance steigt.

Und die kritischen Schulmediziner lachen sich ins Fäustchen, können Sie nun doch eindeutig belegen, dass die Ayurvedamedizin keine wissenschaftliche Heilkunst darstellt, sondern vielmehr eine höchst subjektive und esoterisch gefärbte Parawissenschaft mit kaum über einen Placebo hinausgehenden Nutzen.

Unter dieser oft mystischen Präsentation leidet aber einer besonders, und das ist der AYURVEDA selbst, der auf logischen Naturgesetzen von Ursache und Wirkung, Mikrokosmos und Makrokosmos, 5 Elementen und ihren Eigenschaften basiert. Ganzheitlicher Ayurveda hat es nicht verdient, in eine mystisch-esoterische Ecke geschoben zu werden!

Ayurvedische Pulsuntersuchung ohne Mystikfaktor

Einer meiner indischen Lehrer, Prof. R.H. Singh von der BHU in Varanasi, hat die Pulsuntersuchung ayurvedisch systematisiert. Er unterscheidet vier Basiskriterien und setzt diese in Bezug zu den drei Dosha Vata, Pitta und Kapha.

Die vier Parameter sind

  • PULSRATE | Die Schnelligkeit der Pulsfrequenz
  • PULSRHYTHMUS | Die Regelmäßigkeit des Pulsschlages
  • PULSAMPLITUDE | Der vertikale Ausschlag des Pulses
  • PULSVOLUMEN | Die horizontale Breite der Pulswelle

Ein durch Vata Dosha beeinflusster Puls ist schnell, unregelmäßig, die Amplitude variiert, das Volumen ist gering und der Puls dünn.

Ein durch Pitta Dosha beeinflusster Puls ist mittelschnell, relativ regelmäßig, von hoher Amplitude und mittlerem Volumen.

Ein durch Kapha Dosha beeinflusster Puls ist langsam, absolut regelmäßig, von niedriger Amplitude und hohem, breitem Volumen.

Die Topographie des Pulses

Im Ayurveda fühlen wir den Puls weiblicher Patienten vorrangig am linken, den Puls männlicher Patienten am rechten Handgelenk mit jeweils drei Fingern in drei Tiefen - daraus ergibt sich ein 9er Raster, in dem jede Position ihre diagnostische Bedeutung hat.

Der Zeigefinger tastet die handgelenksnahe (distale), der Mittelfinger die mittlere und der Ringfinger die rumpfnahe (proximale) Position. Diese drei Taststellen werden Vata, Pitta und Kapha zugeordnet. Tiefliegende Pulse weisen Kapha Dominanz, oberflächlichere Pulse Vata und Pitta Dominanzen auf.

Pulseigenschaften erfassen - die Königsdisziplin

Erfahrene Diagnostiker können nebst den genannten vier Basisparametern und der Topographie eine dritte Ebene der Pulsuntersuchung, die Eigenschaften (Guna), erfassen. Im Ayurveda werden 20 Eigenschaften in 10 Gegensatzpaaren beschrieben. So kann ein Puls heiß oder kalt, leicht oder schwer, träge oder penetrant, trocken oder feucht, hart oder weich, statisch oder beweglich, klar oder dumpf, subtil oder grob, dünn- oder dickflüssig, rau oder glatt sein. Jede einzelne Eigenschaft korreliert mit funktionellen oder strukturellen Parametern von Körper und Geist.

Die Summe aller Eigenschaften ergibt ein Pulsmuster mit ayurvedisch wertvollen Informationen über den Patientenzustand. Unser Puls spricht somit die Sprache unseres Inneren - ob und wie umfangreich diese dekodiert und verstanden werden kann, hängt von den individuellen Fähigkeiten und Erfahrungen des Therapeuten ab.

Fazit

Es gibt keine Pulsdiagnose, sondern nur eine Pulsuntersuchung. Diese ist eine von zahlreichen ayurvedischen Untersuchungsverfahren und hat ihren klaren Stellenwert. Sie darf niemals eine fundierte Anamnese ersetzen und sollte niemals die alleinige Grundlage einer therapeutischen Entscheidung sein. Dennoch liefert sie wertvolle Hinweise über den Zustand der Tridosha, des Körperfeuers Agni, der wichtigen Funktion Prana und der momentanen psychovegetativen Balance.

Je qualifizierter, erfahrener und wahrnehmungsfähiger ein Therapeut ist, desto mehr achtet er auf die Erfüllung seiner therapeutischen Verantwortung. Vertrauen Sie niemals einem selbsternannten Pulsleser, der Ihnen in 5 Minuten sagt, wer sie sind und was Ihnen fehlt. Dies hat mit ayurvedischer Wissenschaft nichts zu tun und gefährdet das Ansehen dieser wunderbaren Medizin und Lebenskunst erheblich.

Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit,

Ralph Steuernagel

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