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AYURVEDA ERNÄHRUNG: PRÄVENTION & THERAPIE

Ayurveda Ernährung liegt voll im Trend. Obwohl über 2000 Jahre zwischen der ayurvedischen und der modern-oecotrophologischen Wissenschaft liegen, entspricht das traditionelle Konzept weitestgehend neuen Erkenntnissen und wurde somit von der WHO als langfristig vorteilhaft eingestuft.

Zugleich erhitzt kaum ein Thema mehr die Gemüter von Konsumenten und Therapeuten wie die Frage, welche menschliche Ernährungsform die gesündeste sei. Aufgeregte Diskussionen werden geführt, nicht selten unter Aufgabe einer zentralen ayurvedischen Tugend: der Toleranz.

Ayurveda-Ernaehrung

Was genau definiert eine „ayurvedische“ Ernährungsweise und eine Ayurveda Diät? Worin liegt der Unterschied zwischen der allgemeinen ayurvedischen Ernährungsberatung und einer spezifischen Ernährungstherapie?

Acht Faktoren ayurvedischer Diätetik

Die Grundsätze ayurvedischer Ernährung wurden im klassischen Kompendium Caraka Samhita (Vim. 1.21) anhand von acht Kriterien beschrieben:

Prakrti - die Wahl der Lebensmittel

Jedes lebendige Nahrungsmittel hat eine eigene Natur bzw. Konstitution und wird gemäß seiner Elementkomposition, der Verteilung von sechs Geschmäckern (süß, sauer, salzig, scharf, bitter und herb) und 10 paarigen Eigenschaften (bsp. trocken-ölig, leicht-schwer) sowie deren Veränderung im Prozess der Verdauung und Verstoffwechselung klassifiziert.

Karana - die gezielte Verarbeitung

Nahrung kann durch Verarbeitung, Zubereitung, Reinigung, Lagerung, Reifung und Konservierung in seiner Wirkung transformiert werden.

Samyoga - die geeigneten Kombinationen

Durch ausgewählte Kombination von Substanzen manifestieren sich neue und spezifische Attribute, die Einzelsubstanzen nicht in sich tragen – aristotelisch ausgedrückt: das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile! Zugleich beschreibt der Ayurveda inkompatible Nahrungskombinationen (Viruddhahara), die in jeder Planung berücksichtigt werden.

Rāshi - die richtigen Mengen

Die ayurvedische Ernährung unterscheidet die Totalquantität (Sarvagraha) aufgenommener Nahrung von der Quantität ihrer einzelnen Bestandteile (Parigraha).

Desha - der Ort des Wachstums

Gemäß den örtlichen klimatischen Bedingungen des Wachstums von Nahrungspflanzen bilden sich spezifische Attribute heraus – indischer Spinat ist nicht zwangsläufig identisch mit deutschem Spinat.

Kāla - zeitliche Faktoren

Zeitlich relevante Faktoren und chronobiologische Rhythmen werden in der ayurvedischen Ernährung berücksichtigt. Dies beinhaltet die Planung der Esszeiten, jahreszeitliche Anpassungen und das Lebensalter genauso wie Stadien möglicher Erkrankungen.

Upayogasamsthā - diätetische Grundregeln

Der Ayurveda beschreibt allgemeine diätetische Regeln, die zumeist in der klassischen Ernährungsberatung Anwendung finden – die berühmten zehn Punkte sind:

  • Verzehren Sie warme Speisen.
  • Verzehren Sie ausreichend fettige Speisen.
  • Verzehren Sie nicht-antagonistische Speisen.
  • Achten Sie auf die rechte Menge.
  • Verzehren Sie Nahrung nur nach Verdauung der vorhergehenden Mahlzeit.
  • Verzehren Sie Nahrung an rechtem Ort.
  • Essen Sie nicht zu schnell.
  • Essen Sie nicht zu langsam.
  • Speisen Sie in Konzentration, „ohne zu lachen und zu reden".
  • Nehmen Sie Speisen mit Selbstbeachtung zu sich.

Upayoktā - der individuelle Bedarf

Bedarf, Verträglichkeit und Wirkung eines Nahrungsmittels werden bestimmt von der Befindlichkeit desjenigen, der die Nahrung aufnimmt und seinem gewohnheitsmäßigen Gebrauch. Dieser Punkt unterscheidet die ayurvedische Ernährungswissenschaft deutlich von der modernen – letztere postuliert einen pauschalen Bedarf an Makro- und Mikronährstoffen, der mit leichten individuellen Abweichungen für alle Menschen Gültigkeit hat.

Von der Pauschalisierung zur Individualisierung

Die Ayurveda Ernährung orientiert sich nach dem elementaren Bedarf des Konsumenten, der nebst körperlicher und geistiger Konstitution v.a. durch den gegenwärtigen Gesundheitszustand geprägt ist.

Um diesen höchst individuellen Bedarf zu ermitteln bedarf es zunächst der diagnostischen Auswertung durch einen Ayurveda Ernährungstherapeuten. Und damit noch nicht genug: nach erfolgter Analyse stellt sich die Frage nach der a) medizinisch ggf. erforderlichen und b) persönlich gewünschten Orientierung, aus der sich eine Ernährungsstrategie ableiten lässt. Diese Strategie ist wiederum die Grundlage eines persönlichen Ernährungskonzeptes und basiert auf der individuellen Anwendung der genannten acht Faktoren.

In der ayurvedischen Ernährungsdiagnostik gehe ich in folgenden fünf Schritten vor:

Schritt 1: Erhebung von Daten zur Person, ihrer Familie und dem Beruf

Schritt 2: Anamnese und Aufnahmegespräch mit Beschwerdeanalyse, Physiologien, Ernährungs- und Lebensgewohnheiten sowie psychischem Zustand

Schritt 3: Durchführung klassisch ayurvedischer Untersuchungen, ergänzt durch sinnvolle, moderne ernährungsrelevante Methoden (bsp. BIA, Labor, Atemtests)

Schritt 4: Diagnostische Erläuterung der Ergebnisse und des objektiven Handlungsbedarfs

Schritt 5: Schriftliche Auswertungen unter Berücksichtigung der gemeinsam definierten Behandlungsziele

Keine Angst vor dem Begriff „Diät“…

Diät stammt aus dem griechischen „diaita“ und bedeutet wörtlich übersetzt „Lebensweise“. Eine wunderbare und höchst ayurvedische Definition, die unsere Ernährung stets im Zusammenhang mit der Lebensführung betrachtet!

Ernährungstherapeutisch betrachtet ist „Diät“ der Oberbegriff für Kostformen, die sich von der üblichen Ernährung in ihrer Zusammensetzung, der Menge der zugeführten Energie und/oder der Zubereitung unterscheiden und zur Gewichtsreduktion, Vorbeugung oder Behandlung von Erkrankungen eingesetzt werden.

Ayurvedische Diätformen – es kommt auf den Blickwinkel an

Aus meiner langjährigen ernährungstherapeutischen Erfahrung lassen sich drei völlig unterschiedliche Orientierungen unterscheiden, die ich unter den Begriffen Präventivdiät, Heildiät und Yogische Diät zusammenfasse.

Die Ayurveda Präventivdiät

Das erste und vorrangige ayurvedische Ziel ist die Gesunderhaltung. Unsere Nahrung hat den Auftrag der Versorgung mit allen individuell erforderlichen Nährstoffen, um gesunde Gewebe (Dhatu) zu bilden, eine reibungslose Ausscheidung von Abfallstoffen (Mala) zu gewährleisten und unseren Körper und Geist mit Energie zu versorgen.

Gleichzeitig kann sie vor der Entwicklung chronischer Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen. Liegen keine signifikanten Abweichungen der Körperfunktionen (Dosha und Agni) und keine manifesten Störungen der Körperstrukturen (Dhatu, Upadhatu, Mala, Srotas) vor, ist eine Präventivdiät angezeigt. Diese ist zeitlich unbegrenzt anwendbar unter Berücksichtung allgemeiner Ernährungsregeln (wie oben beschrieben) und der stetigen Anpassung an persönliche Lebensbedingungen, jahreszeitliche klimatische Veränderungen und das fortschreitende Lebensalter.

Grundlage ayurvedischer Präventivdiät ist die Konstitution und damit der elementare Bedarf des Individuums. Anstelle zahlreicher Verbote sollte diese alle 12 Nahrungsmittelgruppen in ausgewogener Verteilung und Zubereitung beinhalten und auf extreme Einschränkungen verzichten. Die wichtige Botschaft der Präventivdiät lautet: Gesundheit, Zuträglichkeit und sinnlicher Genuss bedingen sich gegenseitig. Ich wünsche Ihnen einen guten Appetit!

Die Ayurveda Heildiät

Nahrungsmittel nähren und erzeugen ein spezifisches Milieu im Körper, die extrazelluläre Matrix. Krankheiten sind die Folge eines unausgewogenen Milieus – somit beeinflusst unsere Nahrung indirekt Entwicklung und Heilung von Krankheit. Liegen funktionelle oder bereits strukturell manifeste Erkrankungen vor, kann diesen durch eine Heildiät die Grundlage entzogen werden. Grundlage ayurvedischer Heildiät ist der konsequente Entzug krankheitsfördernder Nahrungsmittel, Zubereitungen und Kombinationen bei zeitgleicher Verstärkung entgegengesetzt wirkender Eigenschaften.

Diese Diätform ist zeitlich immer nur begrenzt anwendbar und kann in übermäßiger oder unsachgemäßer Durchführung zu Nebenwirkungen wie Mangelerscheinungen führen – aus diesem Grund muss eine Heildiät von einem ausgebildeten Ernährungstherapeuten begleitet werden. Insbesondere in der Behandlung von Verdauungsstörungen, Atemwegs- und Hauterkrankungen sowie rheumatischen Beschwerden hat sich die ayurvedische Heildiät in Kombination mit den anderen Therapiepfeilern als äußerst effektiv bewährt.

Häufig werden Präventiv- und Heildiät verwechselt – gesunde Menschen sollen dann keine Rohkost essen, nur heißes Wasser trinken, immer leicht verdaulich zubereiten, Fleisch-Kaffee-Alkohol meiden, auf jegliche saure Nahrungsmittel verzichten, ausschließlich Ghee als Fett verwenden usw. Werden diese Kriterien zu lange beibehalten, können erhebliche Störungen entstehen. Sollten Sie als Konsument derartige Empfehlungen erhalten haben, prüfen Sie unbedingt ob diese therapeutisch temporär begrenzt wurden.

Für alle in Heildiät befindlichen Patienten: trotz und gerade aufgrund der vielleicht zahlreichen Einschränkungen sollten Sie besonders genussvoll essen – der Ayurveda hat hier enorme Möglichkeiten, aus wenig Zutaten Außergewöhnliches zu kreieren. Und denken Sie daran: es ist nicht für ewig und hilft Ihnen, schneller zu gesunden!

Die Yogische Diät

Manche Menschen haben klare Wertvorstellungen und leben konsequent gemäß ihren persönlichen Glaubenssätzen. Diese können sich auch auf Ernährungsgewohnheiten auswirken. Beispiele hierfür sind der konsequente Verzicht auf Tierfleisch bedingt durch eine innere Haltung der Gewaltlosigkeit, der ausschließliche Konsum von Bio-Nahrung aufgrund einer sozial und umweltorientierten Überzeugung oder das Meiden alkoholischer Getränke gemäß der persönlich empfundenen Unvereinbarkeit mit spiritueller Lebensausrichtung.

Viele Ayurveda Anhänger leben nach starken Überzeugungen, das verleiht sicherlich der „Ayurveda Szene“ starke Ausstrahlung – zugleich birgt es aber die Gefahr in sich, persönliche Orientierungen als „ayurvedisch“ zu vermitteln und dabei intolerant gegenüber andersartigem Denken zu werden.

Der Ayurveda steht für Toleranz, Freiheit und Weitblick und setzt anstelle einseitiger ideologischer Anschauungen das Individuum in den Vordergrund. Für Therapeuten gilt der Grundsatz, jegliche yogische Orientierung von Patientenseite zu respektieren – auch wenn diese manchmal im Gegensatz zu den heildiätetischen Möglichkeiten stehen mag: Aufklärung JA, aber keine gewaltsame Überzeugung.

Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit,

Ralph Steuernagel

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