AYURVEDA KRANKHEITSLEHRE

Krankheit entsteht nach dem ayurvedischen Konzept durch das mangelhafte Verständnis unserer konstitutionellen Natur mit daraus resultierenden unzuträglichen Gewohnheiten in der Lebensführung und Ernährung. Es werden drei Kausalebenen unterschieden.

Kausalebene 1 | Ernährung und Lebensstil

Das Sanskritwort „Mithyaharavihara" beschreibt die unzuträgliche Ernährung und Lebensweise eines Individuums als naheliegende Ursache körperlicher Beschwerden. Unzuträglich werden aus ayurvedischer Sicht Lebensgewohnheiten, die zu einer weiteren Zunahme eines ohnehin schon dominanten Dosha führen.

Wenn eine Vata dominierte Konstitution unregelmäßig isst, die Nacht zum Tag macht und beruflich mit Schichtarbeit oder ständigen Fernreisen konfrontiert ist, kann dies zu einer Vata Störung (Vikriti) führen. Verzehrt die Pitta dominierte Konstitution täglich scharf gebratene und gewürzte Fleischgerichte, trinkt sie regelmäßig große Mengen an Alkohol und arbeitet sie den ganzen Tag in der vollen Sonne, dann kann es zu einer Pitta Vikriti kommen. Schläft die Kapha dominierte Konstitution gerne in den Vormittag hinein, verzehrt sie am späten Abend einige Käsebrote mit Bier und meidet sie körperliche Bewegung, so kommt es nach einiger Zeit zur Kapha Vikriti.

In der Anamnese können derartige Zusammenhänge aufgedeckt und entsprechende Empfehlungen zu deren Korrektur ausgesprochen werden. Das Meiden ursächlicher Faktoren ist immer der erste Therapieansatz vor Gabe ayurvedischer Arzneien oder Verschreibung stationärer Kuren.

Kausalebene 2 | „Prajnaparadha"

Wörtlich bedeutet dieser Begriff „Versagen unserer Intelligenz". Die zugrundeliegende Frage in der Kausalebene 2 lautet: Was führt zu unzuträglicher Ernährung und Lebensweise? Die Antwort lautet: Unser Geist, in dem einerseits Sattva abgenommen und andererseits Rajas und Tamas zugenommen hat. Dies führt zum Verlust des Unterscheidungsvermögens, der Entschlossenheit und der Erinnerung - mit Folge unzuträglichen Handelns.

Unsere Lebensgewohnheiten dürfen ayurvedisch niemals getrennt von unserem Geisteszustand betrachtet und verändert werden. Listen von Geboten und Verboten hinsichtlich Ernährung und Lebensstil können langfristig nur wirken und aufrecht erhalten werden, wenn die Psyche des Einzelnen die Zusammenhänge versteht und erfühlt.

Kausalebene 3 | Unwissenheit

Die dritte und tiefste Kausalebene heißt „Avidya" und stellt die grundlegendste Ursache für Leid dar. Aus Unwissenheit können wir Selbst und Nicht-Selbst nicht unterscheiden und identifizieren uns deshalb mit den vergänglichen Anteilen im Leben, unserem Körper und unseren Emotionen. Vor 2.500 Jahren lehrte bereits Buddha: „Leid entsteht durch Identifikation mit Vergänglichem". Zur Auflösung dieser Kausalität dient die spirituelle Praxis.

Krankheitsverständnis in der Ayurvedamedizin

Das klinische Bild wird im Ayurveda anhand zahlreicher Parameter bewertet. Zu den funktionellen Parametern gehört die Zuordnung von Symptomen nach Dosha (Vata, Pitta, Kapha), Subdosha (15 Unterarten), Agni (13 Körperfeuer) und die Bewertung der Stoffwechsellage (Ama, Raktadushti).

Die Einteilung nach strukturellen Parametern umfasst die Zuordnung zu den jeweils sieben Haupt- (Dhatu) und Nebengeweben (Upadhatu), die Bewertung der Ausscheidungsfunktionen (Mala) und der Zustand aller 16 Körperbahnen (Srotas).

Zu den pathophysiologischen Parametern zählen das Verständnis von Ursachenkomplexen (Hetu), der Pathogenese (Samprapti), der Stadien einer Dosha-Zunahme (Doshavriddhi), der Krankheitswege (Rogamarga), der Prognostik (Rogabhedah) und die Auswertung erfolgter Therapiemaßnahmen (Upashaya).

Erst nachdem alle Parameter ausgewertet und verstanden wurden, kann eine ayurvedische Diagnose gestellt und ein individueller Therapieplan ausgearbeitet werden. Eine vermeintliche Diagnose „Sie haben eine Vata Störung, nehmen Sie deshalb ABC" hat mit seriöser und verantwortungsvoller Ayurvedamedizin herzlich wenig zu tun.